Vereinbarkeit Beruf, Familie & Pflege: Die Sandwich-Generation

Holger Heid • 8. Oktober 2026
Frau sitzt mit Baby auf dem Schoß an einem Tisch vor einem Laptop und arbeitet.


Cathy hat ihren Alltag ziemlich gut organisiert.


Eigentlich.


Sie führt ein siebenköpfiges HR-Team in einem mittelständischen französischen Unternehmen, hat zwei Töchter im Alter von 10 und 15 Jahren, ist verheiratet und kümmert sich zusätzlich um ihren Vater.


Ihr Kalender ist so gut gepflegt, dass er vermutlich Chancen auf einen Platz im Museum für moderne Kunst hätte.

Farben für die Arbeit. Farben für die Kinder. Arzttermine. Schule. Besprechungen. Privat. Papa.

Das Problem ist nur: Ein farbiger Kalendereintrag macht aus 24 Stunden noch keine 27.

Und Cathys eigentliches Problem ist ohnehin nicht ihr Kalender.


Wenn Verantwortung aus allen Richtungen kommt


In ihrem Unternehmen steht eine größere Veränderung an. KI soll Einzug halten.

Das klingt zunächst nach einem Projekt.


In der Realität bedeutet es für Cathy: Bedarfe der einzelnen Abteilungen verstehen, Prozesse analysieren, geeignete externe Partner finden, Angebote vergleichen, Anforderungen definieren, Beteiligte ins Boot holen, Ängste und Widerstände auffangen, Pilotprojekte vorbereiten, Einführung begleiten, Schulungen organisieren und anschließend dafür sorgen, dass die neuen Systeme tatsächlich genutzt werden.


Und weil Cathy Personalverantwortliche ist, kommen inzwischen auch andere Teamleiter zu ihr:

„Kannst du uns dabei unterstützen?“

Natürlich kann sie. Zumindest theoretisch.


Währenddessen schreibt ihre 15-jährige Tochter eine Nachricht: „Mama, können wir heute Abend reden?“

Kein Satz, den man als Mutter entspannt mit „Donnerstag, 17.30 Uhr?“ beantwortet.


Ihr Vater braucht zunehmend Unterstützung im Alltag. Geistig ist er völlig klar und möchte selbstverständlich weiterhin selbst über sein Leben bestimmen. Ihn einfach irgendwo „unterzubringen“ kommt für Cathy nicht infrage.

Ihre ältere Schwester würde helfen. Sie lebt allerdings mit ihrer Familie im Ausland.


Und Cathys Mann?

Hat ebenfalls einen anspruchsvollen Beruf.

Die beiden funktionieren als Team hervorragend.

Wer fährt wann? Wer kauft ein? Wer übernimmt welchen Termin? Wer kann nächste Woche früher nach Hause?

Nur die letzte Unterhaltung bei einem Glas Wein, bei der es weder um Kinder, Vater, Arbeit noch Organisation ging, liegt schon etwas zurück.


Das Bemerkenswerte daran: Cathy macht nichts falsch


Das war einer der wichtigsten Punkte in unserem Gespräch.

Cathy hatte lange das Gefühl, sie müsse sich einfach noch besser organisieren.

Genauer planen. Konsequenter priorisieren. Aufgaben bündeln. Vielleicht früher aufstehen.


Ich fragte sie irgendwann:

„Welche dieser Aufgaben möchtest du denn eigentlich nicht mehr haben?“

Sie dachte lange nach.


Keine.


Und genau dort lag der Kern.


Ihre Arbeit ist ihr wichtig. Sie möchte die Einführung der neuen Systeme mitgestalten.

Ihre Töchter sind ihr wichtig.

Ihr Vater ist ihr wichtig.

Ihre Ehe ist ihr wichtig.

Und ja, sie selbst ist ihr ebenfalls wichtig.


Nur konkurrieren diese Dinge permanent miteinander.


Die Forschung kennt Menschen in einer ähnlichen Situation als Sandwich Generation: Erwachsene, die gleichzeitig Verantwortung für Kinder und alternde Eltern übernehmen und häufig zusätzlich berufstätig sind. Studien zeigen, dass gerade die Wechselwirkungen zwischen diesen verschiedenen Rollen entscheidend dafür sind, ob Menschen Balance oder starken Rollenkonflikt erleben.


Eine große Untersuchung zeigte außerdem, dass Menschen mit gleichzeitiger Verantwortung für Kinder und ältere Angehörige häufiger von emotionalen Schwierigkeiten und einem Gefühl der Rollenüberlastung berichteten als andere pflegende Angehörige.

Das Problem ist also nicht mangelnde Belastbarkeit. Manchmal sind es schlicht zu viele berechtigte Ansprüche zur selben Zeit.


Du kannst nicht alles priorisieren


„Prioritäten setzen“ gehört zu den beliebtesten Ratschlägen bei Vereinbarkeitsproblemen.


Nur: Wenn alles Priorität hat, ist nichts Priorität.


Deshalb haben wir bei Cathy nicht mit ihrem Kalender begonnen, sondern mit anderen Fragen:


Was braucht dich wirklich persönlich?

Muss Cathy jede Phase der KI-Einführung selbst begleiten oder kann ein Teil der Verantwortung bei den Teamleitern bleiben?


Was ist wichtig, aber nicht dringend?

Ihre Beziehung zum Beispiel wird nicht am Freitag um 17 Uhr rot blinkend im Kalender erscheinen. Trotzdem kann sie über Monate still an Qualität verlieren.


Welche Verantwortung gehört tatsächlich zu dir?

Der Wunsch, für den eigenen Vater da zu sein, bedeutet nicht automatisch, jede Aufgabe selbst übernehmen zu müssen.


Was braucht gerade mehr Raum als sonst?

Eine 15-Jährige, die plötzlich häufiger das Gespräch sucht, vielleicht schon.

Vereinbarkeit wird konkreter, wenn aus einem diffusen „Ich muss allem gerecht werden“ einzelne Entscheidungen werden.


Und wo bist du?


Diese Frage mochte Cathy zunächst überhaupt nicht.


Sie klang für sie beinahe egoistisch.


Denn selbstverständlich könnte sie sich am Samstagmorgen zwei Stunden freihalten.

Aber dann könnte sie genauso gut ihren Vater besuchen. Mit ihrer Tochter etwas unternehmen. Einkaufen. Die Präsentation für Montag vorbereiten. Oder endlich einmal mit ihrem Mann frühstücken.


Genau das ist die Falle.


Die eigenen Bedürfnisse konkurrieren nicht fair.

Sie haben keine Deadline, schicken selten Erinnerungsmails und beschweren sich häufig erst spät.

Also warten sie. Und warten.

Bis der Körper, die Gereiztheit oder die Erschöpfung irgendwann weniger höflich werden.


Forschung zu berufstätigen Menschen mit Pflegeverantwortung zeigt, dass hohe Anforderungen aus Beruf und Fürsorge den Rollenkonflikt verstärken können, während konkrete Unterstützung und das aktive Einbeziehen anderer entlastend wirken können.


Das klingt wissenschaftlicher als es im Alltag ist.

Man könnte auch sagen:


Du musst nicht alles selbst machen, nur weil du es kannst.


Drei Fragen, mit denen du anfangen kannst


Wenn du dich in Cathy an einigen Stellen wiedererkennst, würde ich nicht als Erstes einen neuen Wochenplan erstellen.


Nimm dir lieber drei Fragen vor:

1. Welche drei Dinge brauchen mich momentan tatsächlich persönlich?

Nicht: Was muss erledigt werden? Sondern: Wo macht meine persönliche Anwesenheit einen Unterschied?


2. Welche Verantwortung habe ich übernommen, obwohl sie auch jemand anderes übernehmen könnte?

Delegieren betrifft nicht nur den Beruf.


3. Was bekommt regelmäßig keinen Platz, weil es nie dringend genug erscheint?

Vielleicht Sport. Ein Freund. Deine Partnerschaft. Ruhe. Ein Buch. Oder einfach zwei Stunden, in denen niemand etwas von dir will.


Die Antwort darauf ist möglicherweise unangenehmer als die Suche nach einer besseren Kalender-App.

Aber wahrscheinlich hilfreicher.


Cathy hat inzwischen übrigens keinen perfekten Wochenplan.

Ihr Vater braucht sie weiterhin. Ihre Töchter auch. Die KI-Einführung läuft und ihr Mann hat nicht plötzlich beschlossen, nur noch halbtags zu arbeiten.

Aber sie unterscheidet heute genauer zwischen wichtig, dringend und wirklich ihre Verantwortung.


Und manchmal sagt sie inzwischen einen Satz, den sie früher erstaunlich selten benutzt hat:

„Das mache ich nicht.“


Die Welt dreht sich trotzdem weiter. Soweit ich weiß, sogar mit ungefähr derselben Geschwindigkeit.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse beim Thema Vereinbarkeit:

Du musst nicht für alles Platz schaffen. Du darfst entscheiden, was welchen Platz bekommt.


Und dabei solltest du einen Menschen nicht vergessen:

Welche Bedeutung räumst du dir selbst in deinem eigenen Leben ein?

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